Probleme in der Paläontologie und solche, die ich damit habe

“Nicht die Einsamkeit bedrückte ihn, nur die Tatsache, dass die anderen Möwen die Herrlichkeit des Fliegens nicht erleben konnten, dass sie sich weigerten die Augen aufzumachen, zu sehen.” - Richard Bach: Die Möwe Jonathan - (Ullstein).

                   Glauben und Wissen

Die Paläontologie ist eine historische Wissenschaft. Historisch hat sie sich aus bescheidenen Anfängen entwickelt, als gebildete Bürger sich für vorgebliche Zeugnisse der Sintflut zu interessieren begannen und ihre Funde in kleineren oder größeren Naturalienka- binetten ansammelten. Damals schon kam der Glaube in die sich entwickelnde Wissenschaft von den ausgestorbenen Lebewesen, und er ist ihr bis heute geblieben. Glauben heißt nicht wissen; und so glaubt der eine dieses und der andere jenes. Paläontologen pflegen ihre Glaubensbekenntnisse unwidersprochen abzulegen. In der Wissenschaft hat der Glaube aber nun einmal nichts verlo- ren. Anscheinend sind Paläontologen demnach gar keine Naturwissenschaftler, sicher keine Biologen, aber was dann eigentlich? Sie selbst lassen das offen. Zwar gehen seriöse Paläontologen spärlich und vorsichtig mit spekulativen Meinungsäußerungen um, andere dafür umso hemmungsloser. Wissenslücken werden ohne Bedenken mit Spekulationen aufgefüllt. Das hält man merkwürdi- gerweise für völlig legitim und stellt sich damit ein trauriges Zeugnis aus..                                                                                                                       

Wenn man mit Ergebnissen exakter Untersuchungen aufwartet, eine für Ingenieure selbstverständliche Vorgehensweise, trifft man auf Unverständnis und Widerstände, die ich nie für möglich gehalten hätte, selbst bei Leuten, die ich für aufgeschlossen und modern gehalten hatte. Zweifelhafte Meinungen, die schon vor mehr als hundert Jahren geäußert worden waren, werden heutzutage immer noch vertreten, und wenn sie einmal aus der Mode geraten waren, werden sie später garantiert wieder neu aufgewärmt. Auf diese Weise kann es keinen Fortschritt geben. Es liegt daran, dass Mittel und Methoden in der Paläontologie eng begrenzt sind bzw. nicht genutzt werden. Es wird einfach nicht professionell gearbeitet, und wissenschaftliche Standards werden vielfach nicht eingehal- ten, wie sich das eigentlich gehört. Sollte die Paläontologie womöglich naturwissenschaftsresistent sein? Es ist schlicht unseriös. Von einsichtigen Paläontologen wird der Mangel an Methodik und Theorie zwar durchaus bedauert, wie z.B. von W. von Königswald, doch das allein kann nichts verändern.

Man sollte deshalb nicht zu schnell in der Literatur angebotene Erklärungen akzeptieren, sondern sich bemühen, selbst den Dingen auf den Grund zu gehen. Es lohnt sich ungemein, sich nicht allein mit den für den eigenen Beruf erworbenen Kenntnissen zufrieden zu geben, sondern die angebotenen Erklärungen kritisch zu hinterfragen. Häufig wurden große Anstrengungen und regelrechte Klimmzüge unternommen, um ohne plausible Beweisführung Anhänger für kuriose Ideen zu gewinnen. Unter Berufung auf ellenlange Literaturlisten mit ebenso spekulativen Ansichten soll der Eindruck erweckt werden, man befinde sich auf gesichertem Terrain. Palä- ontologie ist anscheinend eine Wissenschaft des Glaubens ohne Beweislast. Rupert Riedl drückte es 1982 so aus (in: Evolution und Erkenntnis): ”Die Kultur des Abendlandes ist zweigeteilt...Es trennt sich hier der naturwissenschaftliche und der geisteswissen- schaftliche Hintergrund unseres Weltbildes”. Und: ”Wie ist es zu verstehen, dass Weltbilder, auch wissenschaftliche, rigid werden und intolerant, und wieso bestehen sie trotz ihrer Widersprüche? Hier zeigt es sich, dass sie einen Mechanismus der Selbstimmu- nisierung gegen Widerlegung entwickeln. Fakten, die ihrer Erklärung widersprechen, werden von der etablierten Gemeinde so lange verkleinert, bis sie allesamt unter den Teppich gekehrt werden können. Mehr noch: widerspricht eine Erfahrung der Lehrmeinung, so scheint nicht diese, sondern vielmehr die Methode, welche zu widersprüchlichen Erfahrungen führte, diskreditiert; letztlich der Au- ßenseiter, der den Widerspruch vom Zaun brach. An dieser Stelle werden also die Kleinen von den Vereinigten aussortiert: ‘Little Science’ von der ‘Big Science’ ”.

Schon Mitte der sechziger Jahre war mein Interesse für das Wirken physikalischer Gesetzmäßigkeiten in der Natur geweckt wor- den, als ich das durchaus einflussreiche Buch von Heinrich Hertel (1963) über Verknüpfungen von Biologie und Technik in die Hand bekam. Es öffnete mir die Augen für die in der Natur omnipräsente Physik. Ich war bald überzeugt, dass sich diese Sichtweise bei der Interpretation von Fossilien anwenden lassen müsste. Zwar kann man sich als Laie problemlos autodidaktisch in Geologie und Paläontologie einarbeiten, doch hatte ich keinerlei Ehrgeiz, diesen Fachleuten in ihren speziellen Disziplinen Konkurrenz zu ma- chen. Vielmehr sah ich nun die Möglichkeit, mein Wissen um physikalische Gesetzmäßigkeiten einzubringen, mich mit Biomecha- nik zu beschäftigen. Auch einige Paläontologen versuchten sich schon auf diesem Gebiet, allerdings vergeblich. Losgelöst vom his- torischen Ballast vorgefasster Meinungen in paläontologischen Publikationen gelang es mir dann ziemlich rasch, eine befriedigende Lösung für das alte Problem der Ammoniten zu entwickeln, nämlich ob sie schwimmen konnten oder nicht. Nachdem dieser Ein- stieg dann erst einmal gelungen war, konnte ich in den darauf folgenden Jahren auch Lösungen für ganz andere angebliche alte Rät- sel finden, nämlich für den Ursprung des Vogelflugs, den Grund für die unterschiedliche Ausbildung von Wirbelsäule und Becken bei den Sauriern oder die dem Fischvortrieb zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten. Auf meine Ergebnisse bin ich etwas stolz, denn ich weiß sicher, dass sie Bestand haben werden! 

Dass überhaupt noch Rätsel verborgen waren, wurde mir auch erst bewusst, als ich mich näher auf solche Fragen einließ, denn als Sammler war ich mit Wirbeltieren kaum einmal in Berührung gekommen, und beredte Paläontologen waren nie um eine Erklärung verlegen. Zur Beschäftigung mit diesen Problemen kam ich eigentlich ganz ungewollt und mehr zufällig. Es war zuerst allein die Neu- gier und dann die Enttäuschung, dass in der Literatur nur ein sehr begrenztes und fragwürdiges Wissen angeboten wurde. Dieses Wissen war sogar schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts in fast gleichem Umfang wie heute vorhanden. Jüngere Generationen stüt- zen sich anscheinend mehr oder weniger kritiklos darauf ab. Man meint wohl, so viele berühmte Koryphäen könnten sich doch nicht geirrt haben. Es ist sicher richtig, dass man vor hundert Jahren gründlicher geforscht hat als heute, wo alles schnell gehen muss, jeder sich ein Spezialgebiet sucht und sich niemand mehr den Luxus umfassenden Wissens leisten möchte. Doch waren viele Zusammenhänge damals noch gar nicht bekannt, so dass man mit alten Irrtümern nachsichtig sein muss. Auch damals wurde hier und da spekuliert, allerdings wurde das auch klar gesagt. Irgendwann in jüngerer Zeit wurden diese Vorbehalte anscheinend beiseite geschoben und Spekulatives als mehr oder weniger gesichertes Wissen propagiert, wenn es nur oft genug und von möglichst vielen Autoren wiederholt wird. Heute wird mangelndes Wissen häufig durch Forschheit kaschiert, manchmal gepaart mit dümmlicher Arro- ganz. Darstellungen in der Literatur legen nahe, dass kleine Unsicherheiten eigentlich nur noch hier und da bestehen, z.B. welche Hautfarbe Dinosaurier besaßen. Ja, wenn es so nur wäre!

Die Evolution innerhalb von Tiergruppen lässt sich nur verstehen, wenn man erkennt, wie sich Funktionen im Laufe der Entwicklung geändert haben, wie sich die Lebensweise verändert hat und an welche neuen Vorgaben der Umwelt sich die Glieder einer Entwick- lungsreihe angepasst haben. Diese Veränderungen lassen sich im allgemeinen leider nicht direkt an den Fossilien selbst entdecken. Deshalb sind Paläontologen aufgrund ihrer anders ausgerichteten Ausbildung gar nicht in der Lage, hier wirklich kompetent mitzure- den, und doch meinen manche immer wieder es zu können. Alles was ich früher fand, war mir zu unwissenschaftlich und nicht zu überprüfen. Allerdings war ich wohl nicht der Einzige, dem es so erging. Der bekannte Paläontologe Stephen J. Gould, der sicher nicht als Nestbeschmutzer gelten konnte, bedauerte, dass der Paläontologie der theoretische Hintergrund fehle. Die Fortschritte in den vergangenen hundert Jahren waren denkbar gering. So darf es letztlich nicht einmal verwundern, wenn wissenschaftlich unpro- duktive Fakultäten an vielen Universitäten abgebaut werden, auch weil Forschungsgelder verbraten werden, ohne dass objektiv relevante Ergebnisse geliefert werden. Ich fürchte, im Laufe der Zeit wird die Paläontologie wieder bei ihren Anfängen landen müssen, nämlich dem Jagen und Katalogisieren von Fossilien.     

Wie manche andere mir bekannte Forscher, die sich privat als sogenannte Querdenker oder Seiteneinsteiger mit Problemen der Paläontologie und der Evolution im weiteren Sinne beschäftigen, bin auch ich der Ansicht, dass man ein wichtiges Feld, vielleicht sogar das wichtigste, nämlich die Interpretation und das Verständnis von Fossilien nicht ausschließlich der Paläontologie überlas- sen sollte. In der heutigen Zeit, wo große Mengen an fossilen Zeugnissen vorhanden sind, sollte eine weitere Hauptaufgabe darin bestehen, die Funde besser auszuwerten, ein zuverlässiges Bild des Lebens der Vorzeit und seiner Umwelt zu vermitteln. Der inter- essierte Laie erwartet von Paläontologen über den Anblick schöner Fossilien hinaus Antworten, nicht nur zu Stratigraphie und Fund- bestimmung wie in einem Briefmarkenkatalog, sondern auch auf weitergehende Fragen wie etwa biologischen Zusammenhängen. Wo sonst könnte er sie bekommen? Diese Aufgabe nimmt die Paläontologie leider nur sehr ungenügend wahr, und sie ist nicht in der Lage, verbindliche Antworten anzubieten.

Mir hat es jedenfalls viel Vergnügen bereitet, mich neben der Suche nach Fossilien mit Fragen der Lebensweise zu beschäftigen, die sich dann als gar nicht mehr so rätselhaft herausstellten wie es immer dargestellt wurde. Ich habe selbst viel dabei gelernt, hinzu kam noch die Gewissheit, meine Zeit sinnvoll genutzt zu haben, außerdem weiß ich, dass alle meine Eegebnisse Bestand haben werden. Ich würde mich freuen, wenn ich ein wenig von dem intellektuellen Vergnügen, das mir die Beschäftigung mit solchen Pro- blemen bereitet hat, deutlich machen könnte und wenn ich mit dazu beitragen könnte, anderen Suchenden ihre Fragen zu beantwor- ten, sie zu eigenem Nachdenken anzuregen oder ihnen das Verständnis von ausgestorbenen Tieren zu erleichtern.