Probleme in der Paläontologie und solche, die ich damit habe

“Nicht die Einsamkeit bedrückte ihn, nur die Tatsache, dass die anderen Möwen die Herrlichkeit des Fliegens nicht erleben konnten, dass sie sich weigerten die Augen aufzumachen, zu sehen.” - Richard Bach: Die Möwe Jonathan - (Ullstein).

                   Glauben und Wissen

Die Paläontologie ist eine historische Wissenschaft. Historisch hat sie sich aus bescheidenen Anfängen entwickelt, als gebildete Bürger sich für Zeugnisse der Sintflut zu interessieren begannen und ihre Funde in kleineren oder größeren Naturalienkabinetten ansammelten. Damals schon kam der Glaube in die sich entwickelnde Wissenschaft der ausgestorbenen Lebewesen, und er ist ihr bis heute geblieben. Glauben heißt nicht wissen, und so pflegen Paläontologen unwidersprochen ihre Glaubensbekenntnisse abzule- gen; es machen ja alle so. Der eine glaubt dieses, der andere glaubt jenes. Zwar gehen seriöse Wissenschaftler spärlich und vor- sichtig mit spekulativen Meinungsäußerungen um, andere dafür umso hemmungsloser. Daran hat sich in den gut dreißig Jahren, seit ich mich für Paläontologie interessiere, nichts geändert, eher ist es noch schlimmer geworden.                                              Wenn man mit Ergebnissen exakter Untersuchungen aufwartet, eine für Ingenieure selbstverständliche Vorgehensweise, trifft man auf Unverständnis und Widerstände, die ich nie für möglich gehalten hätte, selbst bei Leuten, die ich für aufgeschlossen und modern gehalten hatte. Es fehlt bis auf wenige Ausnahmen bei Paläontologen leider einfach an sicherer Urteilsfähigkeit, vielleicht auch an dem Willen dazu, da sie aufgrund ihrer historisch ausgerichteten Ausbildung offenbar nicht gelernt haben, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Zweifelhafte Meinungen, die schon vor mehr als hundert Jahren geäußert worden waren, werden heutzutage immer noch vertreten, und wenn sie einmal aus der Mode geraten waren, werden sie später garantiert wieder neu aufgewärmt. Auf diese Weise kann es keinen Fortschritt geben. Als Entschuldigung wird stets angeführt, dass die Beweis- oder Gegenbeweisführung so ungeheuer schwierig sei, weil diese Tiere schon so lange ausgestorben seien und heutige Vertreter fehlten oder nur bedingt brauchbar für Vergleiche seien. Es liegt aber nur daran, dass Mittel und Methoden in der Paläontologie eng begrenzt sind bzw. nicht genutzt werden. Um Diskussionen aus dem Weg zu gehen, zitiert man gern nur die Literatur, die die eigenen Vorstellungen stützt. Naturwissenschaftlich begründete Gegenargumente kommen nicht an, perlen ab, werden einfach ausgeklammert oder beiseite ge- schoben. Sollte die Paläontologie womöglich naturwissenschaftsresistent sein? Es ist schlicht unseriös.    

Man sollte sich deshalb nicht zu schnell mit in der Literatur angebotenen Erklärungen zufriedengeben, sondern bemüht sein, den Dingen selbst auf den Grund zu gehen. Es lohnt sich ungemein, sich nicht allein mit den für den eigenen Beruf erworbenen Kennt- nissen zufrieden zu geben, sondern sich um weiteres Wissen zu bemühen und dabei die angebotenen Erklärungen kritisch zu hin- terfragen. Häufig wurden große Anstrengungen und regelrechte Klimmzüge gemacht, um ohne plausible Beweisführung Anhänger für kuriose Ideen zu finden. Unter Berufung auf ellenlange Literaturlisten mit ebenso spekulativen Ansichten soll der Eindruck erweckt werden, man befinde sich auf gesichertem Terrain. Paläontologie ist anscheinend eine Wissenschaft des Glaubens ohne Beweis- last. Rupert Riedl drückte es 1982 so aus (in: Evolution und Erkenntnis): ”Die Kultur des Abendlandes ist zweigeteilt...Es trennt sich hier der naturwissenschaftliche und der geisteswissenschaftliche Hintergrund unseres Weltbildes”. Und: ”Wie ist es zu verstehen, dass Weltbilder, auch wissenschaftliche, rigid werden und intolerant, und wieso bestehen sie trotz ihrer Widersprüche? Hier zeigt es sich, dass sie einen Mechanismus der Selbstimmunisierung gegen Widerlegung entwickeln. Fakten, die ihrer Erklärung widerspre- chen, werden von der etablierten Gemeinde so lange verkleinert, bis sie allesamt unter den Teppich gekehrt werden können. Mehr noch: widerspricht eine Erfahrung der Lehrmeinung, so scheint nicht diese, sondern vielmehr die Methode, welche zu widersprüch- lichen Erfahrungen führte, diskreditiert; letztlich der Außenseiter, der den Widerspruch vom Zaun brach. An dieser Stelle werden also die Kleinen von den Vereinigten aussortiert: ‘Little Science’ von der ‘Big Science’ ”.

Schon Mitte der sechziger Jahre war mein Interesse für das Wirken physikalischer Gesetzmäßigkeiten in der Natur geweckt wor- den, als ich das durchaus einflussreiche Buch von Heinrich Hertel (1963) über Verknüpfungen von Biologie und Technik in die Hand bekam. Es öffnete mir die Augen für die in der Natur omnipräsente Physik. Ich war bald überzeugt, dass sich diese Sichtweise bei der Interpretation von Fossilien anwenden lassen müsste. Zwar kann man sich als Laie problemlos autodidaktisch in Geologie und Paläontologie einarbeiten, doch hatte ich keinerlei Ehrgeiz, den Fachleuten in ihren speziellen Disziplinen Konkurrenz zu machen. Vielmehr sah ich nun die Möglichkeit, mein Wissen um physikalische Gesetzmäßigkeiten einzubringen, mich mit Biomechanik zu beschäftigen. Auch einige Paläontologen versuchten sich auf diesem Gebiet, doch merkte ich bald, dass sie meistens im Trüben fischen. So schrieb etwa C. McGowan (1994), dass auch fossile Tiere den physikalischen Gesetzen unterlagen und dass man Ein- blicke in die funktionale Bedeutung biologischer Strukturen bekommen könnte, wenn man sie mit den Augen eines Ingenieurs be- trachtet. Nett gesagt, doch hat er übersehen, dass Paläontologen leider nicht das Wissen sowie Überblick und Einblick eines Inge- nieurs besitzen und deshalb schnell falsche Schlüsse ziehen, wie er selbst auch. Sie sind aufgrund ihrer ganz andersartigen Aus- bildung nicht in der Lage, die Limitierungen, die an vielen fossilen Skeletten sichtbar sind, und deren Bedeutung richtig einzu- schätzen. Von einsichtigen Paläontologen wird der Mangel an Methodik und Theorie durchaus bedauert, wie z.B. von W. von Kö- nigswald, doch das allein kann nichts verändern. Was bedeutet beispielsweise der lange knöcherne Schwanz bei Archaeopteryx oder manchen geflügelten Sauriern für das Flugvermögen oder lange Dornfortsätze der Wirbelsäule für Fortbewegung an Land? Palä- ontologen können es nicht wissen und müssen daher spekulieren. Es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, dass ich von ihnen zu viel erwartet hatte. Um Biomechanik betreiben zu können, müssten zumindest Grundkenntnisse in Mechanik und ihrer Anwendung vorhanden sein.       

Losgelöst vom historischen Ballast vorgefasster Meinungen in paläontologischen Publikationen gelang es mir dann ziemlich rasch, eine befriedigende Lösung für das alte Problem der Ammoniten zu entwickeln, nämlich ob sie schwimmen konnten oder nicht. Nachdem dieser Einstieg dann erst einmal gelungen war, konnte ich in den darauf folgenden Jahren auch Lösungen für ganz andere angebliche alte Rätsel finden, nämlich für den Ursprung des Vogelflugs, die unterschiedliche Ausbildung von Wirbelsäule und Becken bei den Sauriern oder die dem Fischvortrieb zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten. Auf meine Ergebnisse bin ich etwas stolz, denn ich weiß sicher, dass sie Bestand haben werden!                                                                                                    Dass überhaupt noch Rätsel verborgen waren, wurde mir auch erst bewusst, als ich mich näher auf solche Fragen einließ, denn als Sammler war ich mit Wirbeltieren kaum einmal in Berührung gekommen. Zur Beschäftigung mit diesen Problemen kam ich eigent- lich ganz ungewollt und mehr zufällig. Es war zuerst allein die Neugier und dann die Enttäuschung, dass in der Literatur nur ein sehr begrenztes und fragwürdiges Wissen angeboten wurde. Dieses Wissen war sogar schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts in fast gleichem Umfang wie heute vorhanden. Jüngere Generationen stützen sich anscheinend mehr oder weniger kritiklos darauf ab. Man meint wohl, so viele berühmte Koryphäen könnten sich doch nicht geirrt haben. Es ist sicher richtig, dass man vor hundert Jahren gründlicher geforscht hat als heute, wo alles schnell gehen muss, jeder sich ein Spezialgebiet sucht und sich niemand mehr den Luxus umfassenden Wissens leisten möchte. Doch waren viele Zusammenhänge damals noch gar nicht bekannt, so dass man mit alten Irrtümern nachsichtig sein muss. Auch damals wurde hier und da spekuliert, allerdings wurde das auch klar gesagt. Irgend- wann in jüngerer Zeit wurden diese Vorbehalte anscheinend beiseite geschoben und Spekulatives als mehr oder weniger gesichertes Wissen propagiert, wenn es nur oft genug und von möglichst vielen Autoren wiederholt wird. Heute wird mangelndes Wissen häufig durch Forschheit kaschiert, manchmal gepaart mit dümmlicher Arroganz. Darstellungen in der Literatur legen nahe, dass kleine Un- sicherheiten eigentlich nur noch hier und da bestehen, z.B. welche Hautfarbe Dinosaurier besaßen. Ja, wenn es so nur wäre!

Die Evolution innerhalb von Tiergruppen lässt sich nur verstehen, wenn man erkennt, wie sich Funktionen im Laufe der Entwicklung geändert haben, wie sich die Lebensweise verändert hat und an welche neuen Vorgaben der Umwelt sich die Glieder einer Entwick- lungsreihe angepasst haben. Diese Veränderungen lassen sich im allgemeinen leider nicht direkt an den Fossilien selbst entdecken. Deshalb sind Paläontologen aufgrund ihrer anders ausgerichteten Ausbildung gar nicht in der Lage, hier wirklich kompetent mitzure- den, und doch meinen manche immer wieder es zu können. Alles was ich früher fand, war mir zu unwissenschaftlich und nicht zu überprüfen. Allerdings war ich wohl nicht der Einzige, dem es so erging. Der bekannte Paläontologe Stephen J. Gould, der sicher nicht als Nestbeschmutzer gelten konnte, bedauerte, dass der Paläontologie der theoretische Hintergrund fehle. An anderer Stelle beklagte er die Einstellung von Paläontologen, deren Tätigkeit sich darauf beschränke, Fossilien zu sammeln, sie mit Namen zu ver- sehen, sie dann in Schubladen abzulegen und spekulative Geschichten über sie zu erzählen. Die Medien greifen gern zu, wenn gele- gentlich anlässlich eines spektakulären Neufunds viel Wind produziert wird, und oft spricht aus ihren Berichten ein belustigtes Augenzwinkern. Doch für die Wissenschaft sind sensationsgierige Meldungen eher kontraproduktiv. Sie können nicht darüber hinweg täuschen, dass die Fortschritte in den vergangenen hundert Jahren denkbar gering waren. So darf es letztlich nicht einmal verwun- dern, wenn wissenschaftlich unproduktive Fakultäten an vielen Universitäten abgebaut werden. Ich fürchte, im Laufe der Zeit wird die Paläontologie wieder bei ihren Anfängen landen müssen, nämlich dem Jagen und Katalogisieren von Fossilien.     

Wie manche andere mir bekannte Forscher, die sich privat als sogenannte Querdenker oder Seiteneinsteiger mit Problemen der Paläontologie und der Evolution im weiteren Sinne beschäftigen, bin auch ich der Ansicht, dass man ein wichtiges Feld, vielleicht sogar das wichtigste, nämlich die Interpretation und das Verständnis von Fossilien, die bisher viele Rätsel aufgegeben haben, nicht ausschließlich der Paläontologie überlassen sollte. Hier läge eigentlich eines ihrer Hauptbetätigungsgebiete.                                    Ich hätte mich mit all diesen Problemen niemals beschäftigt, wenn ich die Informationen gefunden hätte, nach denen ich gesucht hatte. Der interessierte Laie erwartet von Paläontologen über den Anblick schöner Fossilien hinaus Antworten, nicht nur zu Strati- graphie und Fundbestimmung, sondern auch auf weitergehende Fragen. Wo sonst könnte er sie bekommen? In der heutigen Zeit, wo große Mengen an fossilen Zeugnissen vorhanden sind, sollte eine weitere Hauptaufgabe darin bestehen, die Funde besser aus- zuwerten, ein zuverlässiges Bild des Lebens der Vorzeit und seiner Umwelt zu vermitteln. Diese Aufgabe nimmt die Paläontologie leider nur sehr ungenügend wahr, und sie ist nicht in der Lage, verbindliche Antworten anzubieten. Sicher würde sie es gern tun, doch ist es ihr unmöglich, weil ihr die erforderlichen Methoden nicht in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen. Und wenn ein Paläontologe trotzdem seine Meinungen verbreitet, befindet er sich in aller Regel auf dem Holzweg.            

Mir hat es jedenfalls viel Vergnügen bereitet, mich neben der Suche nach Fossilien mit Fragen der Lebensweise zu beschäftigen, die sich dann als gar nicht mehr so rätselhaft herausstellten wie es immer dargestellt wurde. Ich habe selbst viel dabei gelernt, und ich würde mich freuen, wenn ich ein wenig von dem intellektuellen Vergnügen, das mir die Beschäftigung mit solchen Problemen berei- tet hat, deutlich machen könnte und wenn ich mit dazu beitragen könnte, anderen Suchenden ihre Fragen zu beantworten, sie zu eigenem Nachdenken anzuregen oder ihnen das Verständnis von Fossilien zu erleichtern.