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Morgenröte der Paläontologie Die Mergelgrube Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) I II Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand, Findlinge nennt man sie, weil von der Brust, Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen, Der mütterlichen, sie gerissen sind, Blau, gelb, zinnoberrot, als ob zur Gant In fremde Wiege, schlummernd unbewusst, Natur die Trödelbude aufgeschlagen Die fremde Hand sie legt wie’s Findelkind. Kein Pardelfell war je so bunt gefleckt, O welch ein Waisenhaus ist diese Heide, Als das Gerölle, gleißend wie vom Schliff, Die Mohren, Blassgesicht und rote Haut Sich aus der Scholle bröckelt bei dem Griff Gleichförmig hüllet mit dem braunen Kleide! Der Hand, dem Scharren mit des Fußes Spitze. Wie endlos ihre Zellenreihn gebaut! Wie zürnend sturt dich an der schwarze Gneis, Tief ins Gebröckel, in die Mergelgrube Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß, War ich gestiegen, denn der Wind zog scharf; Und um den Glimmer fahren Silberblitze; Dort saß ich seitwärts in der Höhlenstube Gesprenkelte Porphyre, groß und klein, Und horchte träumend auf der Luft Geharf. Die Ockerdruse und der Feuerstein – Es waren Klänge, wie wenn Geisterhall Nur wenige hat dieser Grund gezeugt, Melodisch schwinde im zerstörten All; der sah den Strand und der des Berges Kuppe; Und dann ein Zischen, wie von Moores Klaffen; Die zorn’ge Welle hat sie hergescheucht, Wenn brodelnd es in sich zusamm’gesunken; Leviathan mit seiner Riesenschuppe, Mir überm Haupt ein Ripeln und ein Schaffen, Als schäumend übern Sinai er fuhr, Als scharre in der Asche man den Funken. des Himmels Schleusen dreißig Tage offen, Findlinge zog ich Stück auf Stück hervor Gebirge schmolzen ein wie Zuckerkand, Und lauschte, lauschte mit berauschtem Ohr. Als dann am Ararat die Arche stand, Und eine fremde, üppige Natur, Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen. –
III IV Vor mir, um mich der graue Mergel nur; Wie, Leichen über mir? – so eben gar Was drüber, sah ich nicht; doch die Natur Rollt mir ein Byssusknäuel in den Schoß; Schien mir verödet, und ein Bild entstand Nein, das ist Wolle, ehrlich Lämmerhaar - Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt; Und plötzlich ließen mich die Träume los. Ich selber schien ein Funken, mir, der doch Ich gähnte, dehnte mich, fuhr aus dem Hohl, Erzittert in der toten Asche noch, Am Himmel stand der rote Sonnenball, Ein Findling im zerfallnen Weltenbau. Getrübt von Dunst, ein glüher Karneol, Die Wolke teilte sich, der Wind ward lau; Und Schafe weideten am Heidewall. Mein Haupt nicht wagt’ ich aus dem Hohl zu strecken, Dicht über mir sah ich den Hirten sitzen, Um nicht zu schauen der Verödung Schrecken, Er schlingt den Faden, und die Nadeln blitzen, Wie Neues quoll und Altes sich zersetzte – Wie er bedächtig seinen Socken stickt. War ich der erste Mensch oder der letzte ? Zu mir hinunter hat er nicht geblickt. „Ave Maria“ hebt er an zu pfeifen, Ha, auf der Schieferplatte hier Medusen – So sacht und schläfrig, wie die Lüfte streifen. Noch schienen ihre Strahlen sie zu zücken, Er schaut so seelengleich die Herde an, Als sie geschleudert von des Meeres Busen Dass man nicht weiß, ob Schaf er oder Mann. Und das Gebirge sank, sie zu zerdrücken. Ein Räuspern dann, und langsam aus der Kehle Es ist gewiss, die alte Welt ist hin, Schiebt den Gesang er in das Garngesträhle. Ich Petrefakt, ein Mammutsknochen drin! Und müde, müde sank ich an den Rand „Es stehet ein Fischlein in einem tiefen See, Der staub’gen Gruft; da rieselte der Grand Danach tu ich wohl schauen, ob es kommt in die Höh’, Auf Haupt und Kleider mir, ich ward so grau Wandl’ ich über Grunheide bis an den kühlen Rhein, Wie eine Leich’ im Katakomben-Bau, Alle Gedanken bei meinem Feinsliebchen sein. Und mir zu Füßen hört’ ich leises Knirren. Gleich wie der Mond ins Wasser schaut hinein, Ein Rütteln, ein Gebröckel und ein Schwirren. Und gleich wie die Sonne im Wald gibt güldenen Schein Es war der Totenkäfer, der im Sarg Also sich verborgen bei mir die Liebe findt, Soeben eine frische Leiche barg; Alle Gedanken, sie sind bei dir, mein Kind. Ihr Fuß, ihr Flügelchen emporgestellt Zeigt eine Wespe mir von dieser Welt. Wer da hat gesagt, ich wollte wandern fort, Und anders ward mein Träumen nun gewandet, Der hat sein Feinsliebchen an einem andern Ort; Zu einer Mumie ward ich versandet, Trau nicht den falschen Zungen, was sie dir blasen ein, Mein Linnen Staub, fahlgrau mein Angesicht, Alle meine Gedanken, sie sind bei dir allein.“ Und auch der Skarabäus fehlte nicht.
V Ich war hinauf geklommen, stand am Bord, Dicht vor dem Schäfer, reichte ihm den Knäuel; Er steckt’ ihn an den Hut und strickte fort, Sein weißer Kittel zuckte wie ein Weihel. Im Moose lag ein Buch; ich hob es auf – „Bertuchs Naturgeschichte“; lest Ihr das? Da zog ein Lächeln seine Lippen auf: „Der lügt mal, Herr! Doch das ist just der Spaß! Von Schlangen, Bären, die in Stein verwandelt, Als, wie Genesis sagt, die Schleusen offen; Wär’s nicht zur Kurzweil, war’ es schlecht gehandelt: Man weiß ja doch, dass alles Vieh versoffen.“ Ich reichte ihm die Schieferplatte: „Schau, das war ein Tier!“ Da zwinkert er die Brau’ Und hat mir pfiffig nachgelacht – Dass ich verrückt sei, hätt’ er nicht gedacht! -
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