|
4. Eine dauernd wirkende Zugkraft verursacht die Unterschiede im Schalenbau gegenüber Nautilus Ausgangspunkt meiner Überlegungen zur Lebensweise von Ammoniten waren gar nicht Berechnungen gewesen, sondern die Er- kenntnis, dass bei ihnen eine Zugkraft am Werke gewesen sein müsste. Die großen Unterschiede zwischen dem rezent lebenden Nautilus und den Ammoniten erforderten Bedingungen bei der Gehäusebildung, die stark voneinander abwichen. Andernfalls müss- ten Ammoniten dem Nautilus viel mehr ähneln. So müsste die Schale ebenso wie bei diesem glatt, rundlich und ohne Kanten sein. Das trifft aber für kaum einen Ammoniten zu. Deshalb fand ich die Idee mit der Zugkraft von Anfang an sehr anziehend. Diese Zug- kraft konnte im wesentlichen immer dafür verantwortlich gemacht werden, warum sich Ammoniten grundlegend vom rezenten Nauti- lus unterscheiden. Da Nautilus im Wasser schwebt, sind bei ihm nur zwei Kräfte dauernd vorhanden, nämlich der hydrostatische Auftrieb und das Gewicht. Diese Kräfte wirken in der Vertikalen und sind dem Betrag nach gleich groß, wirken aber einander entge- gengesetzt. Bei der horizontalen Fortbewegung treten der Trichterschub sowie der hydrodynamische Widerstand nur kurzzeitig auf. Sie können daher keinen sichtbaren Einfluss auf die Gehäusebildung nehmen. Diese Zugkraft hat nun in unterschiedlichem Ausmaß Auswirkungen auf verschiedene Merkmale der Ammonitenschale. In der frü- heren Literatur wurden alle diese Merkmale mit dem Schwimm- und Schwebevermögen in Verbindung gebracht. Für alle möglichen Merkmale wurde nach Vorteilen für das Schwimmen gesucht, selbst wenn sie sich widersprachen. So wurde argumentiert, dass schlanke Formen strömungsgünstig seien. Es wurde aber übersehen, dass bei solchen Formen das Volumen der Mantelhöhle be- sonders klein sein musste und damit nur wenig Schub erzeugen konnte. Dabei wäre Vieles so einfach gewesen. Man muss sich nur erst einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, dass an der Tatsache bodenbewohnender Ammoniten kein Weg vorbei führt. 4.1. Gehäusestellung des lebenden Tieres Um die Schale tragen zu können, muss eine andere Gehäusestellung als beim schwimmenden Nautilus postuliert werden. Bei ben- thonischer Lebensweise muss die Gehäusemündung mit dem Weichkörper dem Boden zugewandt sein. Er darf nicht beim Kriechen durch das Gehäuse behindert werden. Es ist genau die Gehäuseposition, die sich auch bei bodenlebenden Schnecken findet. Ein Argument für diese Gehäusestellung ergibt sich allein schon aus der Entwicklungsgeschichte der Schalencephalopoden. Da sie auf Monoplacophoren (Käferschnecken) zurückgeführt werden, haben die Ausgangsformen sicher benthisch gelebt.
Bei diesen frühen Formen, vertreten durch Plectronoceras als erster, ist man noch davon ausgegangen, dass das Gas in den dicht aufeinander folgenden Kammern nicht ausreichte, um das Tier schweben zu lassen. Folglich wurde es noch in der Kriechstellung gezeigt. Die Septen stehen so dicht, dass das Schalengewicht zu groß erschien. Doch bei den nachfolgenden Nautiloideen und den daraus später entstandenen Ammonoideen sollte dann plötzlich auf wundersame Weise die Schwebefähigkeit vorhan- den sein. Der Übergang vom Leben am Boden hätte eine ungeheure Änderung der Lebensweise bedeu- tet. Es ist nicht zu erkennen, worin die Nahrung bei einem schwebenden Tier bestanden hätte und wo- rin überhaupt der Vorteil beim Übergang zu dieser Lebensweise bestehen sollte. Auch beim rezenten Nautilus ist der Übergang zur Schwimmfähigkeit in tiefes Dunkel gehüllt und seine Nahrung sucht auch er am Boden. Es gibt aber deutliche Hinweise, dass auch die fossilen Nautiloideen noch ganz überwiegend Bodenbewohner waren. Eckiger Windungsquerschnitt und erhebliche Schalendicke wie etwa bei Germanonautilus aus dem Muschelkalk sind ein sicherer Hinweis auf ausschließlich bodenbezogene Lebensweise. Seit dem Tertiär klafft eine große Überlieferungslücke. Dass die Gattung Nautilus bis heute überleben konnte, während die Ammo- niten ausstarben, ist sicher auf unterschiedliche Lebensweise zurückzuführen. Die größere Unabhängigkeit vom Boden machte es vermutlich möglich, dass Nautilus bei Meeresregressionen auch den tieferen Schelf besiedeln konnte, wie auch sein heutiges Milieu. Ammoniten blieben immer auf relativ flache Meeresgebiete beschränkt.
Abb.9 zeigt einen Ammoniten in Lebendstellung. Die Schale wird ähnlich wie bei Schnecken vom Kriechfuß getragen. Die Zugkraft, die vom Weichkörper durch die Haltemuskulatur bis zu seiner Befestigung im hinteren Teil der Schale verläuft, hält das Gehäuse in seiner Position. Ohne diese Zugkraft müsste die Schale vom Weichkörper abrollen, im Abb.9 nach rechts. Bei Schnecken wird in analoger Weise die Schale über den Spindelmuskel ebenfalls durch eine Zugkraft in ihrer Lage ge- halten. Leider gibt es keine direkten Beweise für diese Lebendstellung, wenn nicht eines Tages, was ich allerdings für sehr unwahrscheinlich halte, irgendwo in der Tiefsee noch ein Ammonit als lebendes Fossil entdeckt wird. Doch ist trotzdem diese Gehäusestellung ganz sicher die richtige. Eine andere ist für solche Bodenbewohner undenkbar. Als Anzeiger könnten Aufsiedler dienen, doch ist auf diese Wei- se, wie weiter oben beschrieben, keine zweifelsfreie Aussage über die Stellung des Gehäuses am Boden zu gewinnen. Selbst wenn wie bei Ceratiten Epöken durch die wachsende Schale überdeckt wurden, ist aus einer solchen Beobachtung die Gehäusestellung nicht zwingend abzuleiten. Doch werden nahezu alle Erscheinungen der Ammonitenschale unter der Voraussetzung dieser Gehäu- sestellung leicht verständlich. Die Zugkraft wirkt aber wohl nicht, wie in Abb.9 vereinfachend dargestellt, auf einer einzigen Linie, der gedachten Wirkungslinie, son- dern sie verteilt sich meistens auf mehrere oder sogar viele Muskelstränge. Ihre Größe ist von der Größe des Übergewichts selbst abhängig. Denn es ist leicht einsehbar, dass umso größere Kräfte erforderlich sind, um das Gehäuse in der Balance zu halten, je größer das Gesamtgewicht ist. Diese Arbeit muss die Haltemuskulatur verrichten. Muskelkräfte sind immer Zugkräfte; andere Kräfte können Muskeln nicht übertragen. 4.2. Spiralisierung Es ist gar nicht einfach einzusehen, warum ein Ammonit überhaupt ein spiraliges Gehäuse besitzt, vor allem bei Formen, deren Windungen sich kaum berühren. Es lässt sich bei benthischer Lebensweise natürlich gut erklären. Das Gewicht greift im Schwerpunkt an. Da hier aber stets vom Übergewicht gesprochen wird, also der Differenz zwischen Gewicht und hydrostatischem Auftrieb (G -A), greift diese resultierende Kraft nicht exakt im Schwerpunkt an, sondern leicht verschoben, zwi- schen Gewichts- und Auftriebskraft. Diese Kräfte wirken in diesem Fall nicht auf der gleichen Wirkungslinie. Diese Tatsache kann aber für diese Betrachtung vernachlässigt werden. Die Schale lastet nach Abb. 9 auf dem Weichkörper, hier dargestellt durch die Auflagerkraft. Beiderseits des als Punkt gedachten Auflagerbereichs greifen Kräfte an, die nach unten ziehen, das Übergewicht auf der einen Seite und die Zugkraft der Haltemuskulatur auf der anderen. Die Auflagerkraft wirkt diesen Kräften entgegen, so dass die Schale vom Weichkörper getragen werden kann. Durch diese dauernd vorhandenen Kräfte wird das Gehäuse während des Wachs- tums aufgerollt. Da neue Schale stets am Mundrand angebaut wird, dreht sich das wachsende Gehäuse langsam weiter, bzw. es muss von Zeit zu Zeit auf dem Weichkörper neu gelagert werden. Dabei stellt sich ein Gleichgewicht zwischen den Kräften und dem resultierenden Einrollungsgrad eines Gehäuses ein. Mit anderen Worten, die Einrollung (Abb. 10) eines Gehäuses hängt direkt von seinem Übergewicht ab, dieses ist der alleinige Grund für die Spiralisierung. Man kann damit also einem bestimmten Ammoniten direkt ansehen, wie schwer er im Vergleich zu anderen war. Alle normal eingerollten Formen waren schwerer als Wasser, sie konnten nur am Boden leben. Alle anderen Vorstellungen entsprangen einzig und allein der Phantasie, sie waren nicht begründet.
Dieser Befund deckt sich mit meinen Berechnungsergebnissen. Aber selbst leicht entrollte Formen waren noch schwerer als Was- ser, da ihre Schale noch gekrümmt ist. Erst bei gerade gestreckten Formen wird die Einordnung etwas unsicherer, wenn man die Spiralisierung als einziges Kriterium für das vorhandene Übergewicht verwendet. Aber selbst in solchen Fällen ist glücklicherweise auf anderem Wege eine sichere Aussage möglich (siehe Seite Heteromorphe). Durch das Übergewicht wird die Haltemuskulatur auf Zug beansprucht. Über Lage und Ausbildung der Muskulatur, die den Weich- körper mit der Schale verbindet, sind bei der Unkenntnis des Weichkörpers leider keine genauen Aussagen möglich. Es gibt jedoch gewisse Hinweise darauf, die in verschiedenen Merkmalen der Schale sichtbar werden. 4.3. Fiederstreifen und Streifenbildung Gelegentlich findet sich gerade bei schmalen und eng eingerollten Formen eine Skulpturbildung, die als Fiederstreifung bezeichnet wird, weil sie entfernt an eine Feder erinnert (Abb. 11). Man sieht diesen Streifen förmlich an, wie die Zugkraft an der Muskulatur zerrt und nach vorn in einen oder mehrere Stränge zusammengefasst wird. Allerdings ist dabei zu beachten, dass diese Streifen nicht gleichzeitig, sondern paarweise nacheinander entsprechend dem Vorrücken des Weichkörper im Gehäuse entstanden sind und ihre Spuren hinterlassen haben.
Auch gelegentlich auftretende Streifenbildung auf Teilen des Gehäuses kann auf das Wirken der Zugbeanspruchung des Weichkörpers, hier im Mündungsbereich entstanden, zurückgeführt werden. Diese Streifen sind ein individuelles Merkmal und nicht typisch für bestimmte Arten. Doch treten auch sie anscheinend nur bei involuten und damit schweren Gehäusen auf, beispielsweise bei Amaltheen. Hier wird erkennbar, dass die Muskulatur die Kräfte in unterschiedlicher Art und Weise zum Weichkörper außerhalb der Schale überträgt, einmal auf viele Fasern in einem breiten Bereich verteilt, ein andermal mehr auf einen engen Bereich beschränkt. Es gibt anscheinend kein allgemeingültiges Muster. 4.4. Mündungsausbildung während der Ontogenie Auch der Mündungsbereich vieler Ammoniten liefert Hinweise auf das Wirken der Zugkraft bzw. die Anzahl der Muskelstränge, die diese Kraft zum Weichkörper und weiter zum Boden übertragen müssen. Auch hier zeigen sich große Unterschiede, die aber wohl nicht auf unterschiedliche Anzahlen von Tentakeln, wie sie bei Nautilus vorhanden sind, hinweisen. Es gibt bei normal eingerollten Ammoniten keine sicheren Hinweise darauf, dass diese Tiere überhaupt Tentakeln besessen haben könnten, geschweige denn wie- viele.
Links Lytoceras sp., in der Mitte und rechts Phylloceras sp.
In Stillstandsphasen des Wachstums erweitert sich bei vielen Ammoniten die Schale an der Mündung abrupt und bildet dabei die Ausbildung des vorderen Weichkörpers in diesem Bereich in der Schale ab. Stillstandsphasen gibt es bei vielen Ammonitenarten, doch treten diese Wachstumsunterbrechungen bei Lytoceraten und Phylloceraten mit großer Regelmäßigkeit auf (Abb. 12). Diese Stillstände erinnern stark an ähnliche Bildungen bei manchen Meeresschnecken, wie z.B. bei Murex, die pro Umgang drei Stachel- reihen ausbildet. Offenbar werden solche regelmäßigen Varizen durch das Verhalten des Tieres hervorgerufen. Bei Lytoceraten bildet sich dabei ein sogenannter Kragen, der sehr breit sein kann. Bei einem Ausstellungsstück im Museum des Zementwerks Dottern- hausen nehmen diese Bildungen etwa die Breite des halben Windungsdurchmessers ein. Ein solcher Kragen lässt erkennen, dass hier Weichteile austraten, auf die sich die Schale während der Schalenbildung auflagerte. Es ist zu vermuten, dass sich der Weich- körper außerhalb der Schale ganz erheblich verbreiterte und hier die Zugkräfte weiterleitete. Es ist keineswegs erwiesen, dass sich das Tier ähnlich wie Nautilus vollständig in sein Gehäuse zurückziehen konnte. Heteromorphe Formen weisen jedenfalls stark in die Richtung, dass das Tier erheblich größer war als es bisher vermutet wurde. Die rundliche Querschnittsform und der geringe Einrollungsgrad bei Lytoceraten spricht für geringes Übergewicht und damit relativ geringe Zugkraft. Bei Phylloceraten nahm der Mündungsbereich in diesen Stillstandsphasen sehr unterschiedliche Formen an. In allen Fällen wurde die Schale dann an der Mündung erheblich verdickt. Bei dem Ammoniten in Abb.12 rechts wurde dabei die Flan- kenmitte stark vorgezogen und dabei vermutlich der Zug in diesem Bereich konzentriert. Es zeigt sich dabei eine Ähnlichkeit mit den Fiederstreifen entsprechend Abb.11. Bei der Form in der Mitte des Bildes ist dagegen der Bereich der Hauptbelastung nicht beson- ders ausgeprägt. Phylloceraten zeigen durch ihren hohen Einrollungsgrad relativ hohes Übergewicht an. Das Vorrücken des Weich- körpers in größeren Intervallen ist ebenfalls ein deutlicher Hinweis, dass Schwebegleichgewicht nicht angestrebt wurde. 4.5. Windungsquerschnitt Ein sehr starkes Argument für das Wirken einer stetigen Zugbelastung liefert die Querschnittsform der Gehäuse. Denn um einen Gehäusequerschnitt beispielsweise in eine quadratische Form zu zwängen, sind Kräfte erforderlich. Beim rezenten Nautilus, der im Wasser schwebt, ist der Querschnitt stets oval bis rundlich. Es treten keinerlei Ecken und Kanten auf. Er hängt sich im Nabelbe- reich an seiner Schale auf. Außer Gewicht und Auftrieb sind keine weiteren Kräfte dauernd vorhanden. Das Wachstum erfolgt durch Schalenanbau an der Mündung in kleinen Schritten, die durch feine Streifen auf der Schale zu erkennen sind. Damit muss der Quer- schnitt einfach rundlich bis oval werden, d.h. es können keine abrupten Änderungen der Form eintreten. Auch andere schalentragen- de Weichtiere wie manche planktonisch lebende Schnecken besitzen glatte und skulpturlose Gehäuse. Doch bei fossilen Nautiliden, Vorläufern des rezenten Tieres, sind eckige Formen mit zum Teil kräftiger Skulptur verbreitet. Ein häu- figer Vertreter im Muschelkalk ist Germanonautilus, der einen nahezu quadratischen Querschnitt besitzt. Diese Nautiliden waren sehr wahrscheinlich auch noch reine Bodenbewohner, und erst spätere Abkömmlinge machten sich vom Boden frei und lernten zu schwimmen. Die Mündung ist an den Ecken vorgezogen, und auf dem Rücken, in der Literatur in Verkennung der korrekten Gehäu- sestellung Venter statt Dorsum genannt, ist ein tiefer Ausschnitt vorhanden, aus dem beim lebenden Tier der Sipho für die Atmung austrat. Um diesen Querschnitt zu erreichen, mussten an den Ecken Kräfte vorhanden sein, die einen rundlich gedachten Körper in die tatsächliche Form verzerrten. Dabei ist es eher wahrscheinlich, dass hier nicht Tentakeln aus dem Weichkörper austraten, son- dern der Weichkörper selbst infolge seiner Erweiterung außerhalb der Schale diesen Querschnitt bewirkte. Der Querschnitt des Weichkörpers an der Mündung, der allein den entstehenden Gehäusequerschnitt festlegt, dürfte mit der Aktivität des Tieres bei der Nahrungssuche bzw. der Fortbewegung am Boden zusammenhängen. Um einen Zug an den Ecken zu erzeugen, war eine ständige Verbindung zum Boden zwingend erforderlich, da der Zug erst durch eine Verbindung zu einem festen Gegenstand, hier dem Boden, ermöglicht wird. Eine Zugkraft braucht immer eine Verbindung zwischen zwei festen Punkten, um wirken zu können. Bei Ammoniten treten die unterschiedlichsten Querschnittsformen auf (Abb.13). Sie schwanken zwischen breit niedergedrückt (cadi- kon) und schmal und hochmündig (oxykon). Auch bei Ammoniten wird der Querschnitt an der Mündung durch die Aktivität des Tiere bei der kriechenden Fortbewegung am Boden bestimmt. Es treten Querschnitte mit einer unterschiedlichen Anzahl von Ecken und Kanten auf, die sich im Laufe des Wachstums auch verändern können. Die Fragestellung bei der Beurteilung der Querschnitte ist immer die gleiche, nämlich wo muss man Kräfte welcher Größe und Richtung anbringen, um einen Querschnitt von einer rundlichen Ausgangsform in die tatsächliche zu verändern. Man kann sich das leicht anhand eines Gummirings klarmachen,
den man von rundlich in eine bestimmte Form verzerrt. Die Querschnittsform ist dabei nicht unbedingt vom Gewicht bzw. dem Übergewicht des Tieres abhängig. Es können so- wohl involute als auch evolute Formen mit gleichem Quer- schnitt auftreten. Selbst innerhalb einer definierten Art sind große Abweichungen möglich. Das ist aber auch gar nicht verwunderlich. Die Unterschiede ergeben sich sehr wahr- scheinlich aus dem individuellen Verhalten des Tieres. Sie hängen möglicherweise mit dem Nahrungsangebot am Bo- den zusammen, welches das eine Tier dazu verleitet, lang- samer und in einem breiteren Streifen Nahrung vom Boden aufzunehmen, das andere dazu, auf einem schmaleren Streifen am Boden zu weiden. Wovon Ammoniten sich ernährten, ist wie so vieles andere unbekannt. Allerdings deutet die gegenüber Nautilus ungeheure Menge an Indivi- duen darauf hin, dass sie ein niedriges Element in der Nah- rungskette bildeten und sich selbst von einem noch niedri- geren, massenhaft vorkommenden Angebot ernährten. Es wäre z. B. denkbar, dass sie Algen abweideten oder aber auch das Substrat filterten. Man muss weiterhin berücksichtigen, dass jeder Ammonit in seiner Schale das individuelle Verhalten während seines gesamten Wachstums speichert. Entgegen anders lautenden Andeutungen in der Literatur ist die Schalenform eines Ammoniten nicht gene- tisch fixiert, sondern innerhalb gewisser Grenzen variabel. Insofern sind auch viele Arten zu eng gefasst. Eine große Anzahl erst, etwa Tausende einer Art, kann die innerartliche Variationsbreite und damit den echten Artumfang aufzeigen. Somit ist die Größe der Zugbelastung auch individuell verschieden. Doch der Ort, an dem die Zugbelastung innerhalb einer Art auftritt, ist sehr konstant. Häufig sind diese Stellen durch Skulpturbildungen wie etwa Knoten, Knicke oder Spaltpunkte in der Berippung gekennzeichnet. Offenbar traten an solchen Orten, insbesondere dort wo Stacheln oder Knoten auf der Schale sitzen, Ausstülpungen aus dem Weichkörper aus, die von der neu angebauten Schale teilweise überdeckt wurden und sich dann zurückzogen, um nach dem Vor- rücken des Weichkörper erneut ausgefahren zu werden. Vergleichbare Skulpturbildungen treten bei vielen Meeresschnecken auf. Knotenreihen treten in unterschiedlicher Anzahl und Lage auf. Sie sind fast immer mit einer Kante vergesellschaftet. Hier wurde der Weichkörper am Mundrand mehr oder weniger stark gezogen. Dabei kann nur eine Aussage über die Wirkung in der Mündungs- ebene gemacht werden, die wahre Richtung kann nicht genau angegeben werden, sie wirkte aber vermutlich schräg nach vorn, da sie zum Boden gerichtet sein musste. 5. Die Bedeutung der Lobenlinie Die Lobenlinie stellt ein besonders auffälliges Merkmal des Ammonitensteinkerns dar. Sie markiert die Anheftungslinie eines Sep- tums an der Außenschale und wird erst nach der Auflösung der Schale auf dem Steinkern sichtbar. Unter ästhetischen Gesichts- punkten wirkt sie auf vielen Steinkernen besonders dekorativ. Über Funktion und Bedeutung der Lobenlinie für das lebende Tier wurde seit langer Zeit gerätselt, und es wurden verschiedene Deutungen versucht, ohne dass eine wirklich zweifelsfreie Erklärung gefunden worden wäre. Zunächst einmal besteht die Aufgabe eines Septums darin, die Wohnkammer nach dem Vorrücken des Weichkörpers um einen Septenabstand nach hinten abzuschließen bzw. den Mantel im hinteren Teil wieder mit Schale zu bedecken. In homologer Weise werden auch bei Meeresschnecken Hohlräume, aus denen sich der Weichkörper zurückgezogen hat, durch eine septenähnliche Wand abgetrennt. Bei Nautilus und Ammoniten kommt als weitere Funktion die Bildung eines gasgefüllten Phragmokons hinzu. Da alle Ammoniten bisher als schwimm- und schwebefähig angesehen wurden, wurde für die Lobenlinie bzw. die Septen eine wei- tere Funktion gesucht und vermutet, die im Zusammenhang mit der Schwimmbewegung bzw. dem Schwebevermögen stehen sollte. Tatsächlich ist im Laufe der Evolution der Ammoniten eine Veränderung der Lobenlinie zu konstatieren. Die Komplikation nimmt generell im Lauf der Zeit zu. Es gibt jedoch stark zerschlitzte Suturen bereits bei triassischen Formen. Der höchste Zerschlitzungs- grad ist bei dem extrem hochmündigen Pinacoceras (Abb.15) aus der Trias des ehemaligen Thetis-Meeres ausgebildet. Bei man- chen heteromorphen Formen der Kreide-Zeit geht dagegen die Zerschlitzung der Lobenlinie zurück, und es finden sich wieder sehr einfache Suturen bei manchen gerade gestreckten Formen. Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen Gehäuseform, Quer- schnittsform und Zerschlitzungsgrad der Lobenlinie, darüber hinaus ursächlich auch zwischen dem Übergewicht und der Lobenaus- bildung. Weil man es nicht besser wusste, wurde von manchen Autoren angenommen, dass die zunehmende Zerschlitzung der Lobenlinie auf Druckresistenz des Gehäuses zurückzuführen sei. Vom rezenten Nautilus ist bekannt, dass er vertikale Bewegungen über meh- rere hundert Meter Höhe in der Wassersäule durchführt. Dabei ändert sich der Wasserdruck ganz erheblich, er steigt bekanntlich um eine Atmosphäre je 10 m Wassertiefe. Allerdings ist bei Nautilus die Anheftungslinie des Septums an der Außenwand denkbar ein- fach. Für Ammoniten wurden eher noch bessere Schwimmleistungen vermutet. Deshalb wäre die Lobenlinie stärker zerschlitzt und die Septen stünden enger, um besser mit den Druckänderungen fertig werden zu können. Durch die Verteilung der Loben über die Flankenfläche sollte eine gleichmäßige Abstützung der Wände gegen den Wasserdruck erreicht werden. Ebenso sollte durch die Verfaltung der Septen selbst eine Abstützung gegen den in der Wohnkammer herrschenden Druck möglich sein. Klingt es auch ganz plausibel, so ist es doch völlig abwegig, denn in Wirklichkeit kann auf diese Art und Weise keine höhere Druckfestigkeit erzielt werden. Der Wasserdruck übt an jeder Stelle eine Kraft pro Flächeneinheit aus. Wenn es zur Überschreitung des zulässigen Drucks kommt, tritt Implosion ein, die auf gar keinen Fall verhindert werden kann. Ähnlich wie bei einem U-Boot gibt es einen kritischen Druck bzw. eine kritische Wassertiefe, bei deren Überschreitung ein katastrophaler Bruch des Gehäuses geschieht, der urplötzlich eintritt. Mit Druckfestigkeit hat die Ausbildung der Lobenlinie ganz sicher nichts zu tun. J. Wiedmann (1969) und W. Blind (1975) hatten schon plausible Argumente angeführt, die dagegen sprechen, dass Festigkeitsaspekte eine entscheidende Rolle bei der Septenform spielten. Trotzdem hielten andere Experten weiter an dieser Vorstellung fest. Wie auch die weiter oben behandelten Merkmale steht die Lobenlinie ebenfalls in Zusammenhang mit der Zugkraft, die zum Tragen und Balancieren des Gehäuses erforderlich ist. Diese Zugkraft wird am hinteren Ende des Weichkörpers an der Schalenwand abge- setzt. Die großen Unterschiede zum heute lebenden Nautilus bezüglich der Ausbildung der Septen stehen in unmittelbarem Zusam- menhang mit der unterschiedlichen Lebensweise. Beim frei schwebenden Nautilus ist die Massenverteilung des Weichkörpers in der Wohnkammer während der Bauphase des Phrag- mokons nicht dauernd ganz stabil. Mit fortschreitendem Wachstum des Weichkörpers rückt das zuletzt gebildete Septum immer höher, da der Winkel der Gehäusemündung gegenüber der Horizontalen stets unverändert bleiben soll. Würde der Mantel nicht am hinteren Ende durch die Haftmuskulatur gehalten, würde dieser Teil in eine stabile Lage abrutschen bzw. auf dem Mündungsniveau verharren. Da der Weichkörper aber mit dem zuletzt gebauten Septum verbunden ist, baut sich zwischen dem letzten Septum und dem Niveau der Mündung zunehmend ein Druckgefälle auf, indem der höher als die Mündung liegende Weichkörperteil mit der Kraft K auf den adoralen, weiter vorn liegenden Teil drückt (Abb.14). Die Größe dieser Kraft lässt sich abschätzen, sie beträgt im allge- meinen weniger als 1 Gramm, ist also sehr gering. Nautilus kann dieses kleine Druckgefälle für das Vorrücken in seiner Schale aus- nutzen.
Das Druckmaximum ist in dem Moment erreicht, wenn sich die Haftmuskulatur von der Wand zu lösen beginnt. Bei Nautilus gibt es außer der Verbindung der Schale am Mund- rand nur noch die hintere durch die Haftmuskulatur. Zwischen diesen beiden Anheftungs- streifen schwimmt der Weichkörper in einer Pallialflüssigkeit in seiner Schale. Er rutscht nach dem Lösen der Haftmuskulatur an seinem apikalen, d.h. hinteren Ende nach unten. Dabei erreicht der Druck allmählich den Umgebungsdruck, und es stellt sich ein Gleichge- wichtszustand ein. Während des Vorrückens hängt der Weichkörper möglicherweise auch zum Teil am Siphonalstrang, da die Teilstücke dieses Schlauchs, über den später die Ent- leerung der neuen Kammer erfolgt, geradlinig verlaufen. Auf eine solche zusätzliche Funk- tion deutet die Position in der Mitte der Septalfläche hin. Der entstehende Hohlraum zwi- schen letztem Septum und der neuen Position wird durch Flüssigkeit, im wesentlichen Wasser, ausgefüllt. Das Vorrücken kann allein schon durch Unterbindung der Flüssigkeitszufuhr in den neuen Septalraum beendet werden. Nun kann sich der Weichkörper wieder anheften, und es kann ein neues Septum angelegt werden. Die Septenbildung erfolgt auf diese Weise ohne zusätzliche äußere Kräfte, allein durch ein Druckgefälle wird das Vorrücken gesteuert. Das Septum bildet also das Ende des Weichkörpers in seiner rundlichen Form ab. Nachdem ein neues verkalktes Septum ausgeschieden worden ist, kann der Septalraum durch einen osmotischen Prozess entleert werden. Die Septenform bei Nautilus ist also letztlich darauf zurückzuführen, dass das Vorrücken unter sehr geringen und periodisch wirkenden Kräften vor sich geht und dass dabei praktisch keine Haltekräfte erforderlich sind. Doch bereits bei den letzten bekannten Vorläufern des rezenten Nautilus, in erheblich größerem Ausmaß bei älteren Verwandten, ist diese Gegebenheit kleiner Kräfte nicht nachzuweisen. Ihre Lobenlinie weicht erheblich von derjenigen bei Nautilus ab. Uhrglasförmige Septen kommen bei ihnen nicht vor. Im Gegenteil weist die Position des Siphonalstrangs außerhalb der Mitte der Septalfläche sowie eine starke Faltung des Septums z.B. bei Aturia darauf hin, dass auch hier eine Zugkraft wirkte, die mit einer Lebensweise am Boden in Verbindung zu bringen ist. Nicht nur die Querschnittsform, sondern auch die Lobenlinie bei fossilen Nautiloideen macht es sehr wahrscheinlich, dass sie noch nicht vom Boden unabhängig leben konnten. Doch bei Ammoniten wird die Lobenlinie im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte viel stärker differenziert als bei Nautiloideen. Dies lässt sich mit einer besonderen Anpassung an die Erfordernisse ihrer benthischen Lebensweise begründen. Während der rezente Nautilus räuberisch lebt, ist dies von Ammoniten nicht bekannt. Sie waren offenbar anders organisiert. Wenn sie überhaupt ein Ge- biss besaßen, war dieses anders aufgebaut als bei Nautiloideen. Auch weichen ihre Windungsquerschnitte stärker voneinander ab. Meines Erachtens bildet sich in diesen Merkmalen eine stärkere Aktivität des Tieres am Boden ab, etwa infolge des Abweidens von Algen. Dadurch könnte das Tier veranlasst gewesen sein, einen möglichst breiten oder möglichst langen Nahrung liefernden Streifen am Boden zu erfassen. Dies ist allerdings nur eine Vermutung.
Waagenoceras aus dem Mittleren Perm, Pinacoceras aus der Oberen Trias, Hoploscaphites aus der Oberen Kreide. Die Zugkräfte, die aus der Bewegung sowie dem Balancieren der Schale herrühren, können nur im Bereich der Haftmuskulatur auf die Schale übertra- gen werden, da hier die einzige Verbindung des Weichkörpers mit der Schale besteht, abgesehen von dem schmalen Haftepithel am vorderen Mantelrand, in dem neue Schalensubstanz abgeschieden wird. Ganz ohne Zweifel hat die Anheftung an der Schale schon bei allen fossilen Formen vom ersten Auftreten von Zugkräften an funktioniert, da die wirkenden Zugkräfte nicht notwendigerweise wesentlich größer waren als beim rezenten Nautilus. Doch waren sie dauernd vorhanden und nicht nur periodisch. Dies führte offensichtlich zu einem stetigen Anreiz, der Zugbelastung durch Differenzierung der Haftmuskulatur Rech- nung zu tragen. Dieser Anpassungsprozess ist während der gesamten Entwicklungsgeschichte der Ammoniten zu beobachten. Wenn es in Jura und Kreide bei manchen Formen zu einer Vereinfachung der Lobenlinie kommt, hat dies besondere Gründe, auf die ich weiter unten bei den heteromorphen Formen eingehen will. Der Sinn der Differenzierung kann nur in einer Verbesserung der Haft- und Haltefunktion liegen. Eigentlich war meine Annahme von Zugkräften als Ursache für die zunehmende Zerschlitzung der Lobenlinie gar nicht ganz neu, obwohl ich ganz unabhängig darauf gekommen bin. A. Seilacher (1975) hatte die Entstehung gefalteter Septen an verschiedenen einfachen Formen simuliert, indem er eine flexible Membran an manchen Punkten, den Loben, in einer Röhre fixierte und an anderen Stellen, den Sätteln, nach vorn zog. Er stellte durch mechanische Simulation dar, was er an Ammoniten beobachtet hatte, konnte aber keine Begründung finden, die als Ursache für den Zug dienen konnte. Auch W. Blind (1975) ging von einer adoralen Zugbelas- tung aus. Er führte diese aber auf den Spannungszustand zurück, der sich in seinem Modell aus dem kontinuierlichen Wandern der Longitudinal-Muskulatur einerseits und dem Verweilen der Subepithelial-Muskulatur in der gerade eingenommenen Position ande- rerseits ergab. In seinem Modell fehlte noch der Grund für die adorale Zugbeanspruchung. Abgesehen davon kommen Blind’s Vor- stellungen meinen eigenen sehr nahe. Doch es sind noch einige Modifikationen seines Modells erforderlich. Die Zugbeanspruchung, die sich aus der Gehäusestellung in der Kriechposition ergibt, liefert die Begründung für die Differenzierung der Lobenlinie. In Abb.16 sind die einzenen Phasen der Lobenbildung am Beispiel eines permischen Ammoniten zusammengestellt. Obwohl der Vorgang bei allen Formen der gleiche ist, ist eine einfache Lobenlinie zur Erläuterung des Vorrückvorgangs besser geeignet als eine komplizierte ammonitische.
a. Nach dem Vorrücken des Weichkörpers um einen Septenabstand hat sich die Subepithelial-Muskulatur SM im Bereich der Loben wieder angeheftet und leitet allein die Zugkraft in die Schale ein. Im Bereich der Sättel rückt sie ebenso wie die abgelöste Longitudinal-Muskulatur LM infolge adoralen Zugs vor. b. Die Longitudinal-Muskulatur LM ist auf ganzer Länge wieder angeheftet und hat die Haltefunktion vollständig übernommen. Die Subepithelial-Muskulatur SM ist ebenfalls auf ganzer Länge angeheftet. Infolge Dehnung bleibt die Zugspannung im Lobenbereich erhalten. Der Sattelbereich ist nach der Anheftung der Longitudinal- Muskulatur LM entlastet und vor der endgültigen Anheftung ein Stück zurückge- rutscht und geschrumpft. Das neue Septum wird nun ausgeschieden. c. Die Longitudinal-Muskulatur LM bleibt noch auf ganzer Länge angeheftet und übt allein die Haltefunktion aus. Die Subepithelial-Muskulatur SM hat sich von der Schale gelöst und rückt vor unter Ausnutzung des Spannungsgefälles. Es folgt ein neuer Zyklus wie unter a. Durch die Differenzierung der Subepithelial-Muskulatur in Bereiche, die nacheinander die Haltefunktion übernehmen, ist die Replikation eines Lobenmusters festgelegt und bleibt bei einem Individuum zeitlebens im wesentlichen unverändert. Lediglich die ersten Suturen zei- gen noch nicht die typische Ausbildung. Sie sind in einer ersten planktischen Phase des Ammoniteneies entstanden und damit noch frei von Zugkräften. Mit der folgenden Ausfor- mung der arttypischen Suturen gehen zwei weitere Veränderungen einher, nämlich die Verlagerung des Sipho an den Rand und der Übergang von von retro- zu prosiphonaten Septalhälsen. Diese Modifikationen können als Anpassung an die Zugbelastung durch das Übergewicht des Gehäuses interpretiert werden. Sie treten mit dem Beginn des Lebens am Boden bzw. kriechender Fortbewegung in Erscheinung. Diese beginnt, wenn das Tier nach seiner planktischen Jugendphase zum Meeresboden gelangt ist. |
||