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Konnten Ammoniten womöglich richtig schwimmen ? Unter Ammoniten versteht man eigentlich nur die Schalen bzw. Steinkerne dieser ausgestorbenen Tiere. Außer Hartteilen, also den Schalen und Aptychenklappen mit unbekannter Funktion, gibt es keinerlei sichere Reste. Es ist leider auch unbekannt, welche Be- deutung die Schale für das lebende Tier hatte. Als Leitfossilien haben sich Ammoniten wegen ihres häufigen Vorkommens und rascher Wandlungsfähigkeit in der Stratigraphie bestens bewährt, d.h. bei der relativen zeitlichen Einordnung von Gesteinsschichten. Dafür sind nähere Kenntnisse über die Natur dieser Tiere nicht erforderlich. Wenn man allerdings Aussagen zur Ökologie ehemaliger Meeresgebiete anhand von Ammoniten gewinnen will, ist es unumgänglich zu wissen, ob diese Tiere in der Wassersäule oder am Boden lebten. Der Weichkörper ist gänzlich unbekannt. Aussagen dazu sind spekulativ. Trotzdem können aus Merkmalen der Schale wie etwa Wohnkammerlänge, Windungsquerschnitt, Einrollungsgrad sowie weiteren Erscheinungen der Schale wichtige Erkenntnisse zu Ei- genschaften des Gehäuses und damit zur Lebensweise abgeleitet werden. Ammonitentiere konnten ganz sicher nicht schwimmen. Im Gegensatz zum heute lebenden Nautilus, der sowieso nur ein sehr entfernter Verwandter ist, waren sie dafür zu schwer und aus weiteren Gründen ungeeignet. Unter günstigen Umständen konnten leere Schalen gelegentlich, aber nicht generell, nach der Verwe- sung des Tieres an die Oberfläche aufsteigen und an Strände oder in Lagunen verdriftet werden. Die mangelnde Schwebefähigkeit konnte ich durch Berechnungen mit Hilfe der schon vor 2000 Jahren von Archimedes gefundenen Regeln der Hydrostatik sowie seiner Hebelgesetze ganz eindeutig nachweisen. Frühere Vorstellungen waren laienhaft, nicht natur- wissenschaftlich begründet, man muss schon sagen dilettantisch. Ammoniten waren samt und sonders Bodenbewohner und mussten sich somit kriechend fortbewegen. Wenn es auch so mancher Thomas nicht so recht glauben mag, was soll’s - not my problem. Ich bin ja schließlich kein Missionar.
Die neuen Vorstellungen setzen sich langsam, aber unaufhaltsam durch. Das Bild zeigt eine ganze “Herde” kriechender Ceratiten in natürlicher Generationenstruktur im Diorama des Naturkundemuseums Schleusingen in Thüringen. Ich habe es von Herrn Siegfried Rein. Mit Fossilien bin ich erstmals 1974 durch meinen Bruder Rainer in Berührung gekommen, der schon damals ein begeisterter Samm- ler war und es auch heute als Leiter der Naturkundegruppe in Bünde noch ist. Das Sammeln von Fossilien fand ich zwar sehr schön und unterhaltsam, doch auf die Dauer nicht so recht befriedigend. Ich wollte mehr über die Ammoniten erfahren. Schon bei meinem ersten Fund, einem Macrocephalites aus dem Wittekindflöz nahe der Porta Westphalica, stellte sich mir die Frage, was für Tiere Ammoniten wohl gewesen sein könnten, wie sie gelebt haben und warum ihre Schalen anders aussehen als die des rezenten Nau- tilus. Über diese Frage habe ich einige Jahre ebenso wie alle früheren Bearbeiter gerätselt, habe alle deren Gedankengänge nach- vollzogen und fand die Vorstellungen nicht stichhaltig. In Anlehnung an Nautilus wurde vermutet, dass Ammoniten schwimm- und schwebefähig wären, obwohl es keinerlei objektive Beweise dafür gab und z.B. der Treatise von 1964 noch alle Möglichkeiten offen ließ. Wohl erst die Gruppe um G. Westermann wischte alle Bedenken beiseite und ließ Ammoniten schwimmen. Skeptiker wie z.B. den Hamburger Prof. U. Lehmann gab es aber immer. Anfangs hatte auch ich mich lange nicht von traditionellen Vorstellungen frei machen können, und ich musste lange nach einem gangbaren Lösungsweg für die Ermittlung der Lebensweise suchen. Erst später fiel mir auf, dass viele Vorstellungen gar nicht natur- wissenschaftlich begründet sind und auf reiner Spekulation beruhen. Ich hatte die diesbezüglichen Fähigkeiten von Paläontologen einfach überschätzt, aber auch bei manchen das wissenschaftliche Verantwortungsbewusstsein. Ebenso wie interessierte Sammler gehen sie im allgemeinen zu oberflächlich an die Problematik der Lebensweise heran, wenn überhaupt. Meistens werden nur Glau- bensbekenntnisse geäußert; man ist der Meinung, man glaubt, man ist überzeugt, man hält es für vernünftig und wahrscheinlich usw., dass Ammoniten schwimmen und schweben konnten, allein es fehlt an der Substanz solcher Äußerungen, sie sind nur spe- kulativ und damit nichts wert. Die Anwendung von Ingenieurswissenschaften und möglichst genauen Berechnungen führt dagegen zu eindeutigen Ergebnissen. Anfang 1982 habe ich meine neu gewonnenen Vorstellungen bodenbezogener Lebensweise im Anschluss an einen Vortrag im Stei- genklub, der damals noch im “Waldhorn” in Plochingen tagte, während der anschließenden Diskussion eingebracht. Die anwesen- den Experten Prof. Adolf Seilacher und Ulf Bayer ließen sich von meinen Argumenten zumindest beeindrucken und luden mich zu einem weiteren Gespräch nach Tübingen ein. Nach diesem Gespräch habe ich dann das Computerprogramm zur Berechnung wich- tiger hydrostatischer Eigenschaften der Ammonitenschale geschrieben, und die Ergebnisse wurden 1983 publiziert. Auf einem Sym- posium im September 1983 in Tübingen wurde erstmals darüber berichtet. Das schon im Vorfeld geäußerte große Interesse von G. Westermann an diesen Ergebnissen zielte leider wohl nur darauf ab, wie sie am besten niederzumachen wären. Glücklicherweise gelang ihm das nicht, und er musste sich auf Polemik beschränken. Ich muss gestehen, dass es mir später immer ein besonderes Vergnügen bereitet hat, dass ich mich bei meinen Berechnungen auf Messungen von Schalendicken abstützen konnte, die ausgerechnet eben dieser Herr Westermann durchgeführt hatte, der unermüd- liche Verkünder schwebender Ammoniten und unerbittliche Gegner abweichender Ergebnisse, der auch heute noch gern seinen willi- gen Adepten den Stift führt. Er ist zwar sicher ein hervorragender Kenner der Stratigraphie des Jura und seiner Ammonitenformen, doch ist er dadurch nicht automatisch auch als Fachmann für die Lebensweise qualifiziert. Es ist eben ein Trugschluss mancher Paläontologen, dass nur sie allein solche Fragen sicher beantworten können. Tatsächlich können sie es überhaupt nicht. Obwohl ich die Messwerte nicht einfach unkritisch übernommen hatte, waren sie doch verlässlich, wie sich aus anderen unabhängig gewonne- nen Ergebnissen gezeigt hat. A.Trueman (1941) hatte schon eine bewundernswerte Formel für eine geschlossene Berechnung wichtiger Merkmale der Ammoni- tenschale benutzt. Die Schwebefähigkeit ließ sich damit aber nicht ermitteln, und er hat es auch gar nicht versucht, sondern er hat sie, wie alle anderen Paläontologen vor und nach ihm auch, in unzulässiger Weise einfach vorausgesetzt. Man ist das Problem der Lebensweise früher nicht mit allen verfügbaren naturwissenschaftlichen Mitteln angegangen, sondern hat sich ausschließlich auf re- zente Cephalopoden gestützt, hat bezüglich fossiler nur geraten und spekuliert. Sollen sie in ihren Kreisen ruhig weiterhin spekulie- ren, Evolution und Tatsachenbeweise ignorieren, sich ein phantastisches Bild von der Vorwelt machen, an den Weihnachtsmann glauben und meinetwegen auch daran, dass die Erde eine Scheibe ist! Auf dieser Ebene liegen leider immer noch vertretene Ansich- ten unbelehrbarer Paläontologen. Wenn man sie wenigstens zum Nachdenken anregen könnte; diese Fähigkeit ist anscheinend ab- handen gekommen. Sie beschränken sich darauf, ihre Glaubensbekenntnisse zu den unterschiedlichen Vorstellungen abzulegen, ohne einen konstruktiven Beitrag liefern zu können. Realistisch denkende Leute verlassen sich auf die uneingeschränkte Gültigkeit bewährter Naturgesetze. Da kann eine Erkenntnis entweder nur richtig oder nur falsch sein. Gerade diese Gewissheit macht Unter- suchungen, wie ich sie durchgeführt habe, so befriedigend, geradezu beglückend. Aus meinen Überlegungen zur ontogenetischen Entwicklung heteromorpher Formen abgeleitete Prognosen zur Ontogenie von Gas- tropodenschalen konnten inzwischen von Checa & Jiménez-Jiménez (1997) durch seitlich an wachsende Schalen von planorbiden Schnecken angebrachte Zusatzgewichte und als Folge davon deformierte Gehäuse experimentell bestätigt werden und erhalten da- durch zusätzliches Gewicht. |
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